BIOGRAFIE

© 20. Juli 2004, Ina Simone Mautz

“Somewhere Only We Know” ist vielleicht die schönste Single des Jahres. Eine Ballade, die dem Pathos strahlend und mit großer Geste die Tür aufhält und einer umarmenden Melodie, die man bislang wohl nur von Coldplay erwartet hätte, den Hof macht. Feinsinniger Gesang, wie man ihn sonst eher in Skandinavien findet. Einfache Texte, keine Gitarre. Und das ist sehr, sehr gut, weil Keane so Platz machen, Freiraum schaffen, für das zwischen den Zeilen. Für das, was musiktheoretisch nicht fixiert werden kann. Für etwas sehr Hymnisches, das den Raum genießt, der ihm durch die einfache Instrumentierung geschenkt wird. Das glitzert, wie ein See bei Vollmond. Natürlich ist da Melancholie, aber auch eine große Kraft, die zwischen Einsamkeit, Scheitern und Zweifeln schwingt: Mut zur Glut und die Zuversicht, dass alles doch irgendwie gut wird. Keane, von der BBC im Januar auf Platz 1 der “Sound of 2004”-Wahl applaudiert, sind das beste Beispiel. Angefangen hat alles vor knapp 10 Jahren:

Tonbridge School, ein 1553 gegründetes, alt-ehrwürdiges Jungen- Internat im englischen Kent. Jeden Tag Sport auf dem Stundenplan! Wenn dort ein Schüler lieber Musik anstatt Leibesübungen macht, spricht sich das so schnell herum wie eine unverhoffte Freistunde.

Tim Rice-Oxley (*02.06.76, Klavier, Bass, Songwriting) war so ein Pennäler. Der Sohn zweier Doktoren erhielt schon früh Klavierstunden. Musste klassische Stücke üben, die ihn langweilten. Nun, er übte auch nicht wirklich. Aus diesem Grund beschlossen seine Eltern, dass sie die Kosten für den Klavierunterricht ihres sich mittlerweile im Teenageralter befindlichen Sohnes eigentlich auch sparen könnten. Sie kündigten den wöchentlichen Musikkurs und von diesem Zeitpunkt an verfolgte Tim das Pianieren aus eigenem Antrieb und autodidaktisch. Mit Begeisterung.

Heute kann man seinen Namen in der Online-Galerie der “Notable old Tonbridgians” zwischen Wirtschaftsbossen und Universitätsprofessoren lesen. Und da stehen auch die Namen zweier anderer ehemaliger Schüler: Tom Chaplin (*08.03.79, Gesang) und Richard Hughes (*08.09.75, Schlagzeug) – sie sind der neue Lieblingsdreiklang der Briten: Keane.

Ursprünglich hatte das Trio eine etwas andere Besetzung: 1995 startete Tim Rice-Oxley mit dem Gitarristen Dominic Scott, ebenfalls Absolvent der Tonbridge School, ein Musikprojekt. Weil sich kein geeigneter Bassist fand, begann Rice Oxley – wie es auch Travis-Bassist Dougie Payne tat – extra für die Band in Eigenregie zu lernen, wie man die vier Seiten adäquat zum Klingen bringt. Drummer Richard kam hinzu und man nannte sich zunächst “The Lotus Eaters”. Stellte dann fest, dass bereits eine Band unter jenem Namen existierte und erinnerte sich an eine nette ältere Dame, die in der Schule half, Tee zu kochen – sie hieß Cherry Keane und die Band fortan ebenso. Der Vorname wurde mit der Zeit weggelassen, dafür bekam die Gruppe 1997 Zuwachs von Tom Chaplin, einem hochgewachsenen Typen mit unverkennbar rotbäckigem Gesicht, das an ein wohlgenährtes Bauernkind erinnert und dessen Stimme trotz der körperlichen Gegebenheiten so zart ist wie der Wind, der Frühmorgens durch Baumwipfel streift. Er wurde, mitsamt seiner Akustikgitarre, Frontman bei Keane.

Die vier hatten schon die gleiche Grundschule im südlich von London gelegenen Battle (East-Sussex) besucht und schon damals in unterschiedlichen Konstellationen erste musikalische Schritte gewagt.

1998 ziehen drei Viertel der Band nach London. Tim studiert Altphilologie, Richard Geographie, beide am University College. Während einer Uni-Exkursion in Virginia Water (Surrey) lernt Tim einen Kommilitonen kennen, der nicht nur einen ähnlichen Kurs (“Ancient World Studies”), sondern auch die gleiche musikalische Wellenlänge belegt hat: ein blonder Wuschelkopf namens Chris Martin. Ebenfalls Privatschulabsolvent (Sherborne), ebenfalls von Klassenkameraden für seine musikalische Begeisterung belächelt (Chris Martins Band zu Schulzeiten, “The Rockin’ Honkies”, war bei einer Schülerversammlung in aller Öffentlichkeit durch den Kakao gezogen worden).

Die beiden spielen sich gegenseitig eigene Songs auf dem Klavier vor. Tim ist beeindruckt von Chris’ Stücken und Chris mag die von Tim geschriebene Musik. Er bietet Rice-Oxley an, Tastenmann bei Coldplay zu werden. Tim ist ernsthaft interessiert, sagt jedoch ab, denn er will seine Band Keane nicht aufgeben. Ganz im Gegenteil: Er will es jetzt wissen. Tom Chaplin, der ein Jahr lang Kunstgeschichte in Edinburgh studiert hatte, zieht ebenfalls in die englische Hauptstadt und das Quartett nimmt sich vor, ein Jahr lang intensiv zu versuchen, im Musikbusiness Fuß zu fassen und sich einen Plattenvertrag zu erspielen.

September 2000: Coldplay sind in aller CD-Player, “Parachutes” das bejubeltste Debüt-Album seit langem und “Yellow” eine der Singles des Jahres. Keane haben noch immer keinen Plattenvertrag. Sie jobben eifrig, um die Proberaummiete zahlen zu können. Trotzdem verliert die Band nicht ihren Humor, wie ein alter Homepage-Newseintrag zeigt:

[28/09/00] played at the garage last night (our biggest gig yet) supporting freeheat and campag velocet. we got a good response from the crowd (thanks people), just a shame that tim’s car got broken into and dom and tim’s guitars and wallets were stolen plus dom’s new phone. thankfully we found the guitars shoved in the bushes nearby, helped by two italians and two drunks. was this a warning from the great cherry keane? [richard]

Tim Rice-Oxley gibt unumwunden zu, dass Keane schon ziemlich neidisch auf den plötzlichen Erfolg von Coldplay waren, mit denen sie nur ein paar Monate zuvor noch gemeinsame Konzerte gespielt hatten. Aber viel größer war ein sehr positives, fast überwältigendes Gefühl: Unsere Freunde haben es geschafft! Es kann also tatsächlich funktionieren, passieren, wahr werden! Aber dass Keane auch dieses große Glück haben würden, konnte damals niemand ahnen.

“Oh simple thing, where have you gone?

I’m getting old and I need something to rely on.

So tell me when you’re gonna let me in

I’m getting tired and I need somewhere to begin”

So lauten die Zeilen, die zum Refrain von “Somewhere Only We Know” hinführen. Nicht schwer zu erraten, dass es darin um das Gefühl des auf-der-Stelle-Tretens geht, um das Bedürfnis nach Sicherheit und den Wunsch, in dieser Welt seinen Platz zu finden. Genau so müssen sich Keane im Juli 2001 gefühlt haben. Zwei selbstproduzierte Demos (die Singles “Call Me What You Like” und “Wolf At The Door”) haben nicht den erhofften Durchbruch verschafft. Gitarrist Dominic steigt frustriert aus.

Das verbliebene Trio zieht zurück nach Battle. Man probt nun in dem alten, umgebauten Bauernhof, den Tims Eltern bewohnen (dort wurde später auch “Everybody’s Changing” und die in England am 16.08.04 erscheinende dritte Single “Bedshaped” aufgenommen). Ein holzverkleideter Raum, mit alten Ölgemälden an den Wänden – Portraits von längst verblichenen Verwandten. Und mit Blick auf das Feld, auf dem 1066 der “Battle Of Hastings” zwischen King Harold und William The Conqueror ausgetragen wurde. Keane kämpfen auch weiter. Sie hören viel The Smiths und stellen fest, dass ein guter Song auch kurz sein kann. Rice-Oxley fällt auf, dass ihm mancher Smiths-Song ohne Johnny Marrs Gitarre besser gefallen würde. Ist überhaupt eine Gitarre für einen guten Song notwendig? Keane beschließen, keinen neuen Gitarristen anzuheuern, sondern erkennen die Umstände als Chance, der Band einen neuen Sound zu verleihen. Tom stellt seine Akustikgitarre ebenfalls in die Ecke und singt nur noch (Frau Dr. Rice-Oxley lässt es sich nicht nehmen, immer ihre Meinung zu Toms Stimme kundzutun und auch auf missglückte Intonation hinzuweisen!), Tim besinnt sich ganz auf das Klavierspielen und Songschreiben.

Im Dezember 2002 spielen Keane zwei Akustik-Gigs in London. Simon Williams vom Label “Fierce Panda” ist zufällig da. Und begeistert. Er hatte drei Jahre zuvor schon Coldplay entdeckt. Williams fragt Keane, ob sie nicht Interesse hätten, eine Single für seine Plattenfirma aufzunehmen. Tim, Tom und Richard nehmen das Abgebot selbstverständlich an. Im Mai 2003 erscheint “Everybody’s Changing” auf Fierce Panda und Keane gewinnen sofort einen prominenten Fan: Kult-BBC-Radio-DJ Steve Lamacq ernennt die Single in seiner beliebten Show “Lamacq live on Radio 1” zur “Record Of The Week” und lobhudelt: “Die beste Single der Fierce-Panda Labelgeschichte!”. Und man muss wissen: zur Labelgeschichte gehören außer Coldplay auch noch Bands wie Supergrass und Idlewild.

In die Charts kommt “Everybody’s Changing” nicht, aber Lamacq lädt die Band zu einer “6Music”-BBC-Session ein (hier anhören). Große Plattenfirmen werden auf Keane aufmerksam und noch interessierter, als die zweite Single, “This Is The Last Time” ebenso großes musikalisches Potential vermuten lässt. Keane erhalten 21 Angebote für einen Plattenvertrag. Sie entscheiden sich für Island (Universal).

Auch in den USA wird man auf die gitarrenlose Band aufmerksam. Jimmy Iovine, einst U2-Producer beordert Tim Rice-Oxley nach Manhattan in das Büro seiner 1989 gegründeten Plattenfirma “Interscope” (Garbage, The Hives, Jimmy Eat World, Limp Bizkit, Marilyn Manson, No Doubt, The Wallflowers, U2,…). Er soll Iovine etwas vorspielen. Nicht auf irgendeinem Klavier, sondern auf dem Instrument, mit dem John Lennon “Strawberry Fields Forever” aufnahm. Alles läuft gut. Keane bekommen auch einen Plattenvertrag für die USA, Iovine kümmert sich persönlich um die Band.

März 2004: Keane supporten Travis auf deren UK-Tour. Das Debüt-Album der Schulfreunde aus Battle entert die Pole-Position der Charts. “Hopes And Fears” heißt es. Und auch dieser Titel ist, wie der Text von “Somewhere Only We Know”, kein Zufall. Keane wissen nur zu gut, das Optimismus nicht die leichteste Übung ist und dass nichts im Leben so konstant ist, wie das Konkurrieren von Licht und Dunkel. Aber auch, dass Frustration sehr inspirierend sein kann. Rice-Oxley möchte die Zeit in London nicht missen, er ist sogar der Meinung, dass das wirklich gute Songwriting in negativen Erfahrungen wurzelt. Diese Erkenntnis verhilft ihm auch zu einer gesunden Portion Bodenständigkeit. Es sei ihm wichtig, beim Gang durch den Heimatort Freunde und Bekannte auf der Straße zu treffen und ein Schwätzchen zu halten. Man solle sich bloß nicht in Erfolg verlieren. Er schätze zwar Bands wie die Strokes oder Oasis, aber sein Leben sei nun mal nicht annähernd so rock’n’roll. Und wieso sollten es seine Songs dann sein? Natürlich könnte man jetzt Vergleich ziehen – zu Coldplay, Travis, A-ha, Starsailor – aber es ist tatsächlich so, dass Keane einfach zu eigen, zu besonders sind, als dass man nicht ein schlechtes Gewissen dabei bekäme.

Zum Glück: Keane sind weit davon entfernt, abzuheben. Sie haben die langen Jahre der vergeblichen Bemühungen nicht vergessen, obwohl die drei immer größere Hallen füllen und viele Konzerte ihrer UK-Tour im Herbst schon jetzt ausverkauft sind. Man nimmt es Tim Rice-Oxley ab, wenn er sagt, dass sie die kleinen, intimen Konzerte eigentlich lieber haben und immer versuchen, jedem einzelnen Zuhörer das Gefühl zu geben, nur für ihn auf der Bühne zu stehen.

“Hopes And Fears” ist neben den aktuellen Alben von u.a. Franz Ferdinand, The Streets und Belle & Sebastian für den Mercury Music Prize nominiert worden. Und vielleicht die intimste Platte des Jahres. Intim, weil sie soviel Raum für eigene Gefühle, Assoziationen, Gedanken bietet, zwischen all den Songperlen, die maximale Schönheit mit minimalen Mitteln erreichen. Keine verspielten Arrangements, die über nur halbgute Melodien hinwegtäuschen müssten. Keine instrumentale Überfütterung, aber trotzdem allein durch den Flügel eine unglaubliche Größe. Keine anstrengende lyrische Tiefgründigkeit, aber trotzdem Tiefe, durch äh ja, wodurch eigentlich? Da sind vor allem fast hypnotisch-eingängige Piano-Melodien, eine Stimme, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie einmal gehört hat und einfache Songs, die gerade aus diesem Grund unfassbar schön sind. Songs, die so sind, wie sie sein müssen. Songs, die man einfach mögen muss, wie sie sind.